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Rent a Radiologe: So ermöglicht die Digitalisierung neue Geschäftsmodelle

Fachbeitrag | Die Radiologie ist einer der lukrativsten Bereiche der Medizin. Und doch hat auch sie mit Problemen zu kämpfen. Immer weniger Radiologen stehen immer mehr Bilddaten gegenüber. Die Lösung: Aus der Not eine Tugend machen – Angebot und Nachfrage müssen auch in der Medizin übereinstimmen.

© chombosan/Fotolia Bildquelle: © chombosan/Fotolia

Wie verändern sich Arbeits- und Geschäftsmodelle in einer sigitalen Radiologie?

Gibt es ihn nun oder gibt es ihn nicht, den Radiologenmangel? Schaut man sich die blanken Zahlen ist, dürfte es eigentliche zu keinen Engpässen kommen: Nach Angaben der Deutschen Röntgengesellschaft gibt es in Deutschland rund 7000 praktizierende Radiologen. Etwa 1400 Radiologen werden aus Altersgründen in den kommenden aus dem Dienst ausscheiden. Dem stehen rund 1600 Nachwuchsradiologen gegenüber [1]. Schaut man jedoch in die Praxis, so sieht man heute ein anders Bild – zumindest teileweise. Wie kann das sein?

Der Beruf des Radiologen ist bei weitem nicht so attraktiv wie man meinen möchte: Immer mehr Daten für immer mehr Patienten zu immer spezifischeren Fragestellungen sollen in immer kürzerer Zeit beurteilt werden. Schuld daran haben auch die gestiegenen technischen Möglichkeiten. Radiologen schauen sich heute nicht einfach nur ein Bild an, sondern scrollen sich durch mehrere Schichten, beurteilen einen Befund in der zweidimensionalen und dreidimensionalen Ansicht. Diese Fortschritte bieten zweifelsfrei einen Nutzen, machen die Arbeit aber auch komplizierter. Was tun? Sich als Radiologe spezialisieren? Vielleicht! Nur funktioniert so das deutsche System nicht, denn insbesondere in den kleineren und mittleren Häusern funktioniert eine Aufteilen nach Modalitäten und Körperregionen nicht beziehungsweise ist dies personell sowie wirtschaftlich nicht zu stemmen.

Teleradiologie hilft nur bedingt

Eine Möglichkeit, dem entgegen zu wirken ist die Teleradiologie. Was sich neu anhört, ist tatsächlich einer der ältesten Disziplinen der Telemedizin. Im Prinzip versteht man darunter, die Übertragung medizinscher Bilder von einem Ort zu einem anderen, zum Beispiel zum Einholen einer Zweitmeinung, den Bildversand zu Weiterbehandlung bei einem anderen Arzt oder einfach die Weitergabe an den Patienten selbst. Ein weiteres wichtiges Einsatzszenario ist die Befundung an einem anderen Ort. Das heißt, für die Befundung ist der Radiologe nicht dort, wo sich gerade der Patient befindet. Diese Form der Teleradiologie ist in § 3 Absatz 4 der Röntgenverordnung(RöV) definiert und wird auch als »Teleradiologie nach RöV« bezeichnet.

Die Teleradiologie nach RöV ermöglicht auch kleineren Krankenhäusern, bildgebende Untersuchungsverfahren anzubieten, ohne dass immer ein fachkundiger Arzt vor Ort sein muss. Besonders im Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienst ergeben sich dadurch Vorteile. Der Gesetzgeber hat jedoch hohe Hürden an den Einsatz von Teleradiologie nach RöV gestellt, die Folge sind oft langwierige Genehmigungsverfahren. Neben technischen Voraussetzungen werden eine Reihe formeller Nachweise verlangt, die aufgrund der föderalen Strukturen in Deutschland von Behörde zu Behörde unterschiedlich sein können[2]. Teleradiologie nach RöV löst die Probleme in der Radiologie also nur bedingt.

Ein Marktplatz für radiologische Befunde

»Wir haben im Gespräch mit unseren Kunden festgestellt, dass die Kundenbeziehung zu einem Teleradiologie-Provider relativ starr ist«, sagt Florian Rachny, CEO von Befund24.  In der Regel sei das eine 1-zu-1-Beziehung mit einem langfristigen Vertrag, der regelt, wie viel Leistung zu welchen Zeiten abgerufen wird. Das heißt, die gewünschte Flexibilität erreicht man so nicht. Befund24, eine Ausgründung von Siemens Healthineers, geht einen anderen Weg. »Mit unserer Cloud-Technologie bieten wir eine Art Marktplatz, der sowohl den Bedarf der Krankenhäuser als auch die Kapazitäten der Radiologen berücksichtig«, so Rachny.

Das Modell dahinter erklärt sich vergleichsweise einfach. Krankenhäuser, die einen Befund brauchen, laden ihre Dateien – Bilder, Vorstudien sowie medizinische Fragestellungen – in die Cloud hoch. Der Radiologe oder die Radiologin nimmt sich den Auftrag, erstellt einen Befund und stellt diesen der Klinik danach in Rechnung. Befund24 erhebt darauf eine Vermittlungsprovision. Vorteil für das Krankenhaus: Es hat ein flexibles Modell; bezahlt nur für die Befunde, die am Ende auch tatsächlich über die Plattform abgewickelt wurden (Pay-per-use). »Auf der anderen Seite erhält das Krankenhaus Zugriff auf ein ganzes Netzwerk von Radiologen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen«, erklärt Rachny.  Die Radiologen selbst haben neben einer zusätzlichen und flexiblen Einnahmequelle die Chance, weiter an Erfahrung sowie Zugang zu einem ganzen Krankenhaus-Netzwerk zu gewinnen.

Neue Geschäftsmodelle für Gerätehersteller

Doch was springt für ein Unternehmen wie Siemens Healthineers bei so einem Marktplatz raus? Geht es hier am Ende weniger um Geld, als vielmehr um Daten? Dem hält Rachny entgegen: »Die Daten werden beim Hochladen verschlüsselt und nach der Befundung direkt gelöscht, sodass wie selbst keinen Zugriff darauf haben.« Vielmehr gehe es darum, mithilfe moderner Technologien nicht nur Geräte für die Radiologie, sondern auch Dienstleistungen anzubieten.

Wirklich so selbstlos? Nicht ganz, denn am Ende geht es auch um einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz und dieser gelingt schon lange nicht mehr nur aufgrund neuer Geräte. Denn Innovationen auf Seiten der Hardware haben ihren Peak mittlerweile erreicht. Das spürt insbesondere die Radiologie, die sich schon heute intensiv mit Themen aus den Bereichen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzen muss.

»Vielversprechende Innovationen finden vor allem im Bereich digitaler Lösungen statt und damit ergeben sich völlig neue Geschäftsmodelle«, sagt Thomas Hummel, Head of Strategy und Innovation bei Siemens Healthineers. Das beinhalte nicht nur Bilder als Service, sondern eben auch das Gerät an sich sowie Dienstleistungen und Softwareanwendungen rund um die radiologische Befundung herum – Angebot und Nachfrage eben.

Quellen
[1] Welche Chancen bietet der Radiologenmangel für die IT. Visus Views 11/2011, S. 14-15
[2] Was Teleradiologen wissen müssen. RT Radiologie 2015

Schlagworte: Radiologie, Cloud-Technologie, Geschäftsmodell, Digitalisierung

Genannte Firmen: Befund24, Siemens Healthineers, Deutsche Röntgengesellschaft

Kommentar

»Digitalisierungsprojekte und neue Geschäftsmodelle sind immer dann besonders erfolgreich, wenn sie mit Subscriptions verbunden sind, die Kunden bedarfsgerecht zusammenstellen können und jederzeit in ihrer Konfiguration variieren können um auch wirklich nur das zu bezahlen, was man wirklich braucht. Unternehmen, die agile Subscriptions anbieten, sind in den letzten sieben Jahren um  mehr als 350% gewachsen.« (Tien Tzuo, CEO von Zuora)