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Ende der Märchenstunde: Wie Dr. Watson seine Zauberkraft verlor

Mithilfe von Daten und Künstlicher Intelligenz sollen Krankheiten nicht nur schneller diagnostiziert, sondern auch effektiver behandelt werden. Vor allem IBM rührt dabei ordentlich die Werbetrommel. Nun kommt raus: Das Märchen vom fabelhaften Dr. Watson muss womöglich neu geschrieben werden.

Meister der künstlichen Zuberei: IBMs Watson Bildquelle: © Pixabay

Meister der künstlichen Zuberei: IBMs Watson

Das Gute an Märchen ist, sie müssen nicht wahr sein. Und trotzdem eröffnen sie uns eine Welt, in der Fleiß und Gutmütigkeit stets belohnt werden, die Bösen am Ende ihre gerechte Strafe erhalten und der Prinz und das tapfere Mädchen glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. Die sind wahrscheinlich immer noch nicht gezählt sind, denn in Märchen gibt es keine Krankheiten – zumindest keine unheilbaren. Aber wenn, dann käme der große Zauberer Dr. Watson und würde jedes noch so hartnäckige Geschwür mit seiner Medizin besiegen. Aber Watson zaubert nicht mit Reagenzien und Feenstaub – die Kinder von heute sind da etwas anspruchsvoller. Nein, der große Watson heilt mithilfe von Daten und Künstlicher Intelligenz (KI). Damit ist er nicht nur schneller, sondern auch exakter als seine kleinen Arzt-Freunde.

Wie alle Märchen ist auch das des fabelhaften Dr. Watsons leider nicht wahr. Für IBM ist das Versagen seines Supercomputers nicht nur eine großer Rückschlag, sondern vor allem aus Marketingsicht ein gigantischer Flop. Dabei fing alles so gut an: In einem 12-monatigen Pilotprojekt wollten die Rhön-Kliniken das System sozusagen auf Herz und Nieren prüfen. Watson sollte zeigen, was IBM verspricht. »Wir erwarten, dass das IBM Watson-System uns in mehrfacher Weise unterstützt. Wir hoffen, dass es uns hilft, unsere tägliche Arbeit nicht nur schneller, sondern auch besser zu erfüllen, in dem es eine Reihe von Prozessen vereinfacht», erklärte Prof. Dr. Jürgen Schäfer, Leiter Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen (ZusE) am Universitätsklinikum Marburg, zum Start 2016. Das System sollte die Ärzte und Spezialisten bei der Diagnosefindung unterstützen und so die Behandlungszeit von jährlich hunderten Patienten verkürzen.  

In der Realität versagt

Die meisten Patienten im ZusE haben bereits eine jahrelange medizinische Odyssee hinter sich, die sich auch in einer Unmenge an strukturierten und unstrukturierten Daten wie Labortests, klinischen Berichten, Arzneimittelverschreibungen, radiologischen Untersuchungen und pathologischen Berichten widerspiegelt. »Patienten, deren Krankenakten mehr als 5 kg wiegen, sind bei uns keine Seltenheit«, so Schäfer. Das Zentrum sei daher nicht nur durch die Anzahl an Patienten, sondern auch durch die Flut an Daten überwältigt.

Hinzu kommt, dass das medizinische Wissen exponentiell wächst und sich gemäß Schätzungen bis 2020 alle 73 Tage verdoppelt. »Aus diesem Grund verspricht der Einsatz kognitiver Technologien wie das Watson-System unsere evidenzbasierte und individuell optimierte Behandlung eines jeden Patienten zu unterstützen«, so Prof. Dr. Bernd Griewing, Medizinvorstand des Rhön-Klinikums. So weit, so schlecht, denn laut dem Spiegel-Magazin »entpuppte sich das System als deutlich weniger intelligent als erhofft«, fiel selbst bei den simpelsten Symptomen durch. Bei Brustschmerzen zum Beispiel tippte das System nicht auf die wahrscheinlichsten Diagnosen (Herzinfarkt, Angina pectoris, Aortenriss), sondern stattdessen auf eine seltene Infektionskrankheit. Die Konsequenz: Die Verantwortlichen ließen den Vertrag mit IBM auslaufen und beendeten das Projekt.

Kein Einzelfall

Nicht nur in Marburg hat Watson einen schlechten Eindruck hinterlassen. Auch am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) dürfte man auf das IBM-System nicht gut zu sprechen sein. Mithilfe des Supercomputers sollten bei 50 Krebsarten das Erbgut von jeweils 500 Krebspatienten Buchstabe für Buchstabe entschlüsselt werden. Watson sollte aber nicht nur die entscheidenden Mutationen, sondern darüber hinaus geeignete Therapien finden. Das war bereits 2011, herausgekommen ist laut FAZ-Bericht nichts.

Demnach habe es zwar viele Sitzungen mit den Leuten von IBM gegeben, aber nur ein einziges konkretes, inhaltlich allerdings sehr überschaubares Pilotprojekt zur Übertragung großer Datenmengen. Über die Pilotphase sei dieses jedoch nie herausgekommen. Der Eindruck auf Seiten der Forscher: »IBM sah die Vereinbarung vor allem als eine Vertriebsmöglichkeit für seine Produkte.«

Und nun?

Die Beispiele aus Marburg und Heidelberg zeigen: IBMs Watson ist noch nicht so weit. Sie direkt als Schmach zu bezeichnen, geht dann aber doch etwas zu weit. Denn genauso funktioniert medizinische Forschung. Es kommt nicht darauf an, dass alles beim ersten Mal klappt. Viel wichtiger ist es, aus den Fehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen und das Produkt weiterzuentwickeln – immer und immer wieder. Solange bis es einsatzfähig ist. Eine der dafür nötigen Voraussetzungen hat Watson auf jeden Fall: Als KI ist er lernfähig.

Und falls es am Ende doch nicht mit der Medizin klappt, wäre zumindest eine Karriere als Astronaut vorstellbar. Ein Roboter mit Watson-Intelligenz befindet sich ja bereits im All und unterstützt dort Alexander Gerst und seine Kollegen. Tja, nur Fliegen ist schöner – im Märchen und in der Realität.  

Quellen:
[1] M.U. Müller: Dr. Watson versagt. Spiegel 32/2018 (via Spiegel Plus)
http://www.spiegel.de/plus/ibm-will-mit-grossrechnern-krankheiten-behandeln-bisher-mit-wenig-erfolg-a-00000000-0002-0001-0000-000158730592 (Stand: 07.08.2018)
[2] S. Baltzer Im Krankenhaus fällt die Wunderwaffe durch (03.06.2018), http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kuenstliche-intelligenz/computer-watson-scheitert-zu-oft-bei-datenanalyse-15619989.html (Stand: 07.08.2018)