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Gastkommentar von Ansgar Dodt: »Digitalisierung bedeutet mehr als nur vernetze Geräte«

»Vernetzung bedeutet nicht nur Datenaustausch, es ermöglicht zudem neue Wertschöpfungsmodelle durch Software«, sagt Ansgar Dodt, VP Strategic Development bei Thales. Davon würden am Ende auch die Patienten profitieren.

Diagnosen via Handy sind in Baden-Württemberg schon bald Realität. Bildquelle: © Pixabay

Anders als in Deutschland beginnt der Patientenkontakt in der Schweiz über das Telefon.

In der Schweiz nutzen über die Hälfte aller Patienten Telemedizin-Angebote. Anstatt in einer Praxis oder im Krankenhaus beginnt der erste Kontakt für Diagnose und Behandlung per Telefon oder Video-Chat. Während Fernbehandlung dort schon ein wesentlicher Bestandteil des Alltages ist, galt diesbezüglich in Deutschland bis zum Jahr 2018 ein absolutes Verbot. Der deutsche Ärztetag verabschiedete eine entsprechende Lockerung. Außerdem steht mit dem zweiten eHealthcare-Gesetz eine Reformation der digitalen Patientenakte an. Einrichtungen müssen nach einer Verabschiedung Schnittstellen schaffen, um Informationen virtuell verfügbar zu machen. Ein endgültiges Datum für die Entscheidung steht noch aus.

Beide Punkte sind Meilensteine, welche die Branche nachhaltig verändern werden. Medizinisches Equipment, Fachpersonal und Patienten müssen nicht länger zu gleichem Zeitpunkt am selben Ort sein. Vielmehr erlaubt Innovation, dass immer mehr Prozesse virtuell effizienter abgewickelt werden können. Digitalisierung verändert aber nicht nur die Behandlungsstandorte, sondern auch die Geschäftsmodelle in Gesundheitseinrichtungen.

Vernetzung bedeutet nicht nur Datenaustausch, es ermöglicht zudem neue Wertschöpfungsmodelle durch Software. Genau wie Patient und Fachpersonal nicht mehr zwangsläufig immer am selben Ort sein müssen, braucht der Nutzer auch nicht mehr direkt vor Hardware stehen, um diese zu bedienen – solange die richtige Softwareumgebung vorhanden ist.

Man kann sich eine Entwicklung wie bei den klassischen Apotheken vorstellen. Diese müssen sich gegen neue Online-Marktbegleiter behaupten, und es wird es nicht lange dauern, bis die Digital Players auch Arztpraxen, Kliniken und weiteren Einrichtungen Konkurrenz machen. Medikamente sind dabei nicht vom Markt verschwunden, allerdings haben Online-Angebote und Lieferapps die Wertschöpfungskette umgekrempelt. Das Potenzial im Medizintechnik-Bereich ist sogar noch viel größer, da Software sowohl neue Behandlungsmethoden als auch Service-Modelle und Effizienzsteigerung erlaubt.

Die Macht der Software im Alltag nutzbar machen

Im Zeitalter von Cloud Computing und IoT (Internet of Things) ist es nicht besonders schwierig, Organisationen zu vernetzen. Die Herausforderung für Gerätehersteller ist die Umstellung der eigenen Geschäftsmodelle. Neben Equipment sollten sie Software für ihre Technologien vertreiben, um weiter erfolgreich zu bleiben. Einkäufer, IT-Verantwortliche und Führungsetagen kennen App-Stores aus anderen Bereichen und wissen, wie sie Software effizient einkaufen, installieren und lizensieren können. Daher wird in diesen Bereich viel eher investiert, anstatt neue Geräte zu kaufen.

Der Schritt zur eigenen App ist nicht schwer – zumindest theoretisch. Viele Hersteller haben seit jeher eigene Programmierer und Software für den Betrieb ihrer Devices erstellt. Wenn man daraus aber eigenständige Produkte machen möchte, die unabhängig von der eigenen Hardware vermarktet werden sollen, muss man sich auf die Erwartung der Nutzer einstellen.

Im Gegensatz zum Hardware-Vertrieb ist Software agil: Self-Service-Portale, nutzungsorientierte Angebote und flexible Lizenzierung sind nur einige Beispiele – Lizenz- und Preismodelle müssen also entsprechend angepasst werden. Dieser Teil ist in der Praxis für Entwickler wesentlich schwerer umzusetzen, vor allem dann, wenn gerade wie im Gesundheitssektor IT-Budgets und IT-Abteilungen in den Einrichtungen nicht übermäßig groß sind.

Wenn Gerätehersteller im Softwareumfeld erfolgreich Umsätze machen wollen, braucht es daher mehr als nur eine App. Gesundheitsorganisationen greifen aber gerne auf Produkte zurück, bei denen sie kein Risiko eingehen. Mit einem modernen Lizenzierungssystem eröffnen sich neue Nutzungsmodelle von Geräten. Equipment kann durch verschiedene Apps um Funktionen erweitert werden – ohne, dass für nicht genutzte Features bezahlt werden  muss. Durch Subscription oder Pay-Per-Use-Ansätze müssen Einrichtungen kein Kapital binden und können risikofrei moderne Behandlungsmöglichkeiten implementieren.

Das Medizintechnik-Unternehmen The Stryker Corporation hat bereits reagiert und bietet ein Servicemodell, um den Anforderungen moderner Kliniken und Chirurgen vor dem Hintergrund schrumpfender Investitionsbudgets gerecht zu werden. Für Hersteller und Betreiber eröffnen sich viele Vorteile. Eine Klinik kann beispielsweise ein hoch spezialisiertes medizinisches Gerät besitzen, das nur wenige Male im Jahr verwendet wird. Es ist zwar wichtig, dass dieses Device verfügbar ist, doch es ist nicht sinnvoll, eine jährliche hohe Lizenzgebühr zu zahlen. Zahlt der Anbieter für den Zugriff auf die Software auf Einzelfallbasis, spart er unterm Strich, geht kein Risiko ein und kann zudem die Kosten direkt in Rechnung stellen.

Eine andere Möglichkeit für ein Abo-Modell wäre die saisonale Nutzung – eine Klinik kann beispielsweise mehrere Röntgenapparate nutzen, doch ist der Einsatz aller Geräte vielleicht nur zu bestimmten Zeiten nötig. Also bezahlen sie für eine zeitlich begrenzte Lizenz. Die Apparate selbst bleiben Eigentum des Herstellers. Eine unerlaubte Nutzung außerhalb der abgemachten Bedingungen ist nicht möglich. Gleichzeitig bezahlt die Einrichtung nur für die Nutzung, wenn diese wirklich rentabel ist.

Fazit

Stryker und viele andere Organisationen haben einen wichtigen Schritt gemacht, um dem Anspruch der digitalen Welt gerecht zu werden. Eine Kernherausforderung war dabei das Lizenzmodel. Es geht um mehr als nur die Erstellung eines Programms. Gerade auf dem Gesundheitsmarkt gibt es existierenden Wettbewerb für Softwareangebote.

Gleichzeitig ist das Potential  gerade für Healthcare-Device-Hersteller riesig. Sie bringen viel Know-how mit und kennen die Branche. Bei immer kleineren Budgets müssen Krankenhäuser Lösungen finden, um ihre Kosten zu optimieren, insbesondere um ihre Investitionen in Hardware zu reduzieren. Da in der virtuellen Welt Software immer stärker zum Wettbewerbstreiber wird, ist es wichtig, hier Lizenzmodelle anzupassen, damit Organisationen nicht den Anschluss verlieren.

 

Ansgar Dodt:»Vernetzung bedeutet nicht nur Datenaustausch, es ermöglicht zudem neue Wertschöpfungsmodelle.« Bildquelle: © Thales

Ansgar Dodt:»Vernetzung bedeutet nicht nur Datenaustausch, es ermöglicht zudem neue Wertschöpfungsmodelle.«