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Das Digitale-Versorgung-Gesetz kommt: So reagieren die Health Start-ups

Deutschlands Start-up-Szene im Bereich digitale Gesundheit blickt mit großen Erwartungen auf die neue Gesetzesvorlage. Von Abrechnungsvoraussetzungen, über positive Anreize, bis hin zu Flexibilität, das sind die Positionen und Wünsche.

Große Unternehmen als Partner zu gewinnen, kann Start-ups durchaus dabei helfen, schneller und vor allem zielorientierter zu wachsen. Bildquelle: © Pixabay

Um den digitalen Wandel proaktiv zu gestalten, braucht es es einen innovationsfreundlichen Rahmen.

Der Digitale Wandel in der Gesundheitsversorgung nimmt weiter Fahrt auf: Mitte Mai präsentierte das Bundesgesundheitsministerium um Minister Spahn einen Referentenentwurf, der Digitalisierung und Innovation in der medizinischen Versorgung mehr Befugnis geben soll. Die Verlängerung des Innovationsfonds für neuartige Versorgungsansätze bis 2024 schließt nicht nur die Speicherung von Patientendaten in einer elektronischen Gesundheitskarte ein, sondern erlaubt auch die Nutzung telemedizinischer Angebote wie Videosprechstunden und die Verschreibung sogenannter Gesundheits-Apps – ein Gebiet, auf dem sich in den vergangenen Jahren viel getan hat.

Insbesondere Startups haben damit begonnen, die Behandlung zumeist chronischer Krankheiten wie Kopfschmerzen, Darmbeschwerden oder psychische Leiden in die digitale Welt zu überführen. Mit Erfolg: Viele Betroffene greifen heute zum Smartphone oder Tablet, um sich an die Medikamenteneinnahme zu erinnern, Schmerzen zu dokumentieren oder via Chat und Telefonie direkt mit einem Fachspezialisten zu kommunizieren.

Das neue Gesetz soll nun unter anderem dafür sorgen, dass sich Betroffene diese Angebote verschreiben lassen können, damit die Kosten von den Krankenkassen erstattet werden. Beschlüsse, die grundsätzlich positiv stimmen, aber den Health-Innovatoren nicht weit genug gehen. Schließlich setzen sich Start-ups wie M-sense, Cara Care, Selfapy oder Neotiv bereits seit Jahren für schnelle Kostenübernahmen durch gesetzliche und private Krankenkassen ein, beweisen in klinischen Studien die Wirksamkeit Smartphone-gestützter Therapien oder schaffen neuartige Lösungen für einen sicheren Datenschutz. Was also halten sie von den neuen Ambitionen der Bundesregierung? Bei welchen Themen kann die Politik noch mehr unterstützen? Und sehen sie Chancen, Regelungen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen zukünftig noch aktiver mitzugestalten?

Ärzte richtig einbinden

In einem Punkt sind sich alle Start-ups einig: Wenn digitale Lösungen wirklich im Alltag unseres Gesundheitssystems ankommen sollen, muss sich die Politik verstärkt dem Thema Selbstverwaltung widmen. Dazu Jesaja Brinkmann, Co-Founder von Cara Care: »Wir brauchen verbindliche Vorgaben, einheitliche Fristen und klare Regelungen.«

Dr. Florian Koerber, Geschäftsführer von M-sense ergänzt: »Es ist gut, wenn nun im aktuellen Gesetzesentwurf ein Leistungsanspruch für digitale Anwendungen formuliert wird«. Aber ebenso essentiell sei es, Abrechnungsvoraussetzungen zu schaffen, die diesen Anspruch auch realisierbar machen. »Dafür müssen auch Budgets zur Verfügung stehen. Hier stellt sich noch die Frage, wie ein Evidenz-Verfahren aussehen kann und wie eine erfolgsbasierte Erstattung der Leistungen so gestaltet wird, dass die Liquidität der Anbieter, sprich unsere, sichergestellt ist.«

Farina Schurzfeld, Mitgründerin von Selfapy sieht in Sachen Selbstverwaltung zwar ebenso Handlungsbedarf, bewertet darüber hinaus aber vor allem das Sanktionen-System kritisch: »Insbesondere die Einbindung der Ärzteschaft sollte überdacht werden. Anstatt Buß- und Mahnverfahren für die Nichtverwendung digitaler Lösungen einzuleiten, sollten wir hier vielmehr positive Anreize schaffen und über ein Belohnungssystem nachdenken. Ein Mensch motiviert sich erfahrungsgemäß besser über positive Verstärkung als über Strafe.«

Gemeinsam statt alleine

Die Unternehmen sind sich außerdem einig darüber, dass alle Interessensgruppen und beteiligten Akteure noch stärker zusammenrücken und engmaschiger in den Dialog über digitalen Lösungen eingebunden werden sollten. Besonders Patienten und Patientinnen seien laut Cara Care-Gründer Jesaja Brinkmann bisher in sämtlichen Gremien und Entscheidungsprozessen deutlich unterrepräsentiert. Parallel regt Schurzfeld von Selfapy auch die Schaffung passender Formate für die Ärztelobby an: »Gemeinsame Veranstaltungen, Aufklärungs- und Werbekampagnen beeinflussen nicht nur die Fachschaft positiv, sondern schaffen auch bei den Patienten Vertrauen.« Hier sollten noch mehr Begegnungsorte entstehen, um digitale Lösungen als ernstzunehmende Ergänzung in der Versorgung zu etablieren.

Jesaja Brinkmann, der mit Cara Care bereits seit mehr als drei Jahren an digitalen Schnittstellen für eine verbesserte Darmgesundheit arbeitet, sieht außerdem die Politik und den gemeinsamen Bundesausschuss in der Pflicht, sich an die Dynamik und Innovationszyklen digitaler Anbieter anzupassen. »Entscheidungsprozesse könnten noch schneller gestaltet und weitere Gremien gegründet werden.« Zudem plädiert er dafür, dass der Markteintritt für neue Soft- und Hardwareanbieter einfacher gestaltet wird – soll heißen: Brancheneinheitliche Standards und Schnittstellen müssen her.

Julian Haupenthal, Co- Founder und CTO von Neotiv, unterstützt die Forderung nach einer stärkeren Anpassung an die Kreationsprozesse junger Unternehmen und sagt: »Die Zeiträume von Forschung bis Anwendung digitaler Gesundheitshelfer können enorm lang sein und bergen damit Risiken für Startups. Hier wünschen wir uns von der Bundesregierung niederschwellige Lösungen, um Versorgungswege schnell evaluieren und Entwicklungszyklen zügig vorantreiben zu können.«
Um den Digitalen Wandel in der Gesundheitsversorgung proaktiver mitgestalten zu können, sei unbedingt ein Rahmen erforderlich, der Theorie und Praxis zusammenführt. (me)