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Elektronische Gesundheitsakte: Knapp daneben ist auch vorbei

Kommentar | Die elektronische Gesundheitsakte ist eine der Schlüsselanwendungen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen. Denn richtig eingesetzt, ist sie mehr als ein lebenslanger Datenspeicher. Damit das gelingt, müssen die Anwendungen aber auch die richtige Zielgruppe fokussieren.

9 von 10 Deutschen würden elektronische Gesundheitsakte nutzen Bildquelle: © Vitabook

9 von 10 Deutschen würden elektronische Gesundheitsakte nutzen

Für richtige Diagnosen und darauf basierend eine gute Therapieauswahl müssen Informationen bewertet werden, die sowohl vom Patienten als auch vom Arzt erhoben wurden.  Dabei werden nicht nur die Daten einbezogen, die ein Patient und sein Arzt ad hoc beim Arztbesuch mitteilen beziehungsweise erheben, sondern wesentlich mehr Informationen, um diese dann mit digitaler Unterstützung optimal bewerten zu können.  Das »Mehr« an Informationen liefern digitale elektronische Gesundheitsakten und Verlaufsdokumentationen sowie Geräte jeglicher Art, die in der Lage sind, Daten über den Patienten zu erheben.

Datenhoheit muss beim Patienten bleiben

Um vor und nach einem Arztbesuch Informationen sammeln und speichern zu können, benötigen Patienten ihre eigene Akte, die mit ihrem Arzt verbunden ist. Nur so können Patienten ihre Daten speichern, die sie im nächsten Schritt mit ihrem Arzt teilen möchten.

Und nur, wenn diese Datendrehscheibe dem Patienten gehört, kann er beliebig viele Daten speichern und erfassen und mit einem oder mehreren Ärzten teilen. Eine Gesundheitsakte, die dem Patienten gehört, ist gemäß der DSGVO der Idealzustand, weil der Patient die alleinige und vollständige Hoheit über seine Daten hat. Würde diese Datendrehscheibe dem Arzt gehören, wäre dieser für die gesamte Speicherung, den Datenschutz und die Datensicherheit sowie Berechtigungskonzepte verantwortlich. Die Bereitschaft dafür ist bei Ärzten nicht vorhanden.

Vor allem ältere Patienten profitieren

Hinzu kommt, dass lediglich der Patient einen Arzt mit weiteren Akteuren im Gesundheitssystem, wie zum Beispiel  Apotheken oder Sanitätshäusern vernetzen darf. Würden sich Apotheke und Arzt gemeinsam in einem System befinden, wäre schnell eine Strafbarkeit wegen unerlaubter Zuweiserbindung gegeben. Über 80 % der Gesamtumsätze eines Apothekers hängen ausschließlich an ärztlichen Verordnungen – die Verlockung für eine Verordnungslenkung ist dementsprechend hoch.

Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass insbesondere digitalaffine Bürger, die dazu in der Lage sind, eine Gesundheitsakte über App oder Webseite zu bedienen, in der Regel nicht chronisch erkrankt sind und wenige oder keine Arztkontakte haben.  Der Chef der Siemens Betriebs Krankenkasse formulierte es kürzlich in einer Ausgabe des Tagesspiegels so: Nutzbringend sei eine elektronische Patientenakte vor allem für ältere Versicherte, die öfter mit Ärzten und Krankenhäusern zu tun hätten, gesundheitlich angeschlagen oder chronisch krank seien. »Das jetzt in der Entwicklung befindliche System der Krankenkassen sei für solche Nutzergruppen viel zu kompliziert«.

Alt, krank und technikaffin

Das bedeutet, dass Patienten- beziehungsweise Gesundheitsakten zwar zweifelsohne erforderlich sind, um Ärzte mit ihren Patienten besser zu vernetzen, mehr Daten zu erheben und diese besser austauschen und auswerten zu können. Aber ausgerechnet die Patienten, die davon besonders profitieren würden, die Akten häufig nicht direkt bedienen können beziehungsweise wollen. Der Anteil der chronisch erkrankten Patienten, die damit direkt profitieren können, ist dementsprechend begrenzt.

Beispielsweise die von Vitabook entwickelte »Online-Therapie.Plus« ermöglicht es Ärzten, ihren Patienten sämtliche Therapieinhalte in digitaler Form zu übermitteln, für den Patienten ein Online-Gesundheitskonto anzulegen und die vom Patienten getätigten Eingaben zu sehen und zu bewerten. Hier kommen insbesondere Patientengruppen in Betracht, die selbst dazu in der Lage sind, eine Webseite beziehungsweise. eine App zu bedienen und zu verstehen. Diese »Sandwich-Patienten«, die alt genug sind, um ernsthaft erkrankt zu sein und jung genug, um mit Technik noch umzugehen, sind die direkten Profiteure der Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Die Gesundheitsakte wird zum Patiententagebuch

Die Bereitschaft, eine eigene elektronische Gesundheitsakte zu besitzen, ist hoch. Gleichzeitig besteht ein sehr geringer Antrieb, sich aktiv um eine Akte zu bemühen. Bei Befragungen geben regelmäßig über 90 % der Befragten an, eine Akte haben zu wollen – aber eben morgen. Eine Akte ist erst einmal nichts Dringliches und wird deshalb so lange verschoben, bis sie nicht mehr rechtzeitig beschafft werden kann. Nur, wenn eine Gesundheitsakte von einem Arzt im Rahmen der Therapie driekt empfohlen wird, wird sie initial angelegt.

Ist eine Gesundheitsakte elementarer Teil der ärztlichen Diagnostik und Therapie, dreht sich das Bild komplett. Dafür muss eine Akte aber mehr können, als nur Fakten abzuspeichern. Die Akte muss zu einem personalisierten Tagebuch des Patienten werden, mit ganz konkreten Informationen für seine Situation und spezifischen Handlungs- und Dokumentationsanweisungen.

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Autor: Markus Bönig ist Gründer und CEO von Vitabook

Schlagworte: Elektronische Gesundheitsakte, Patiententagebuch, App, Vernetzung, Datensicherheit, Online-Therapie

Genannte Firmen: Siemens-Betriebskrankenkasse, Vitabook

 

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Markus Bönig ist einer der Keynotespeaker der eMEC 2019, die am 14. Novemeber 2019 im ICM München stattfindet. Mehr Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie hier.