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Auf Visite bei Brainlab: »Der Arzt soll nicht Computer spielen«

Brainlab gehört ohne Zweifel zu den Vorreitern in Sachen Digitaler OP. Davon kann man sich während einer Tour durch die Demoräume des Unternehmens in Riem überzeugen. Dabei zeigt sich: Es muss nicht immer die abwegigste Idee sein, um auf sich aufmerksam zu machen.

Die Herausforderung: Technik soll dem Arzt helfen und nicht vom Geschehen im OP ablenken. Bildquelle: © Brainlab

Die Herausforderung: Technik soll dem Arzt helfen und nicht vom Geschehen im OP ablenken.

Die Messestadt Riem ist eines der jüngsten Quartiere Münchens, multikulturell und ein Ort der Innovationen. Sie befindet sich komplett auf dem Gelände des 1992 stillgelegten Flughafens München-Riem und beinhaltet heute neben einem Wohnviertel die Neue Messe München und ein Einkaufszentrum. Wie ein Relikt aus einer alten Zeit ragt der denkmalgeschützte Tower hervor. 21 Jahre stand dieser leer. Kein Investor wollte hier landen, zwischenzeitlich gab es sogar den Plan, den 35 Meter hohen Kontrollturm komplett umzusiedeln. Das wurde verworfen – zu teuer, zu riskant und vor allem zu Unrecht. Denn wo einst Lotsen an ihren Computern dafür sorgten, dass die Flugzeuge auf den richtigen Routen verkehrten, entsteht heute High-Tech: Seit 2017 gehört der Tower zur Firmenzentrale von Brainlab. Das Unternehmen entwickelt und vermarktet Systeme für das bildgesteuerte Operieren sowie die Strahlentherapie. Navigation, Computer und moderne Technik spielen im Turm also noch immer eine Rolle. Nur geht es nicht mehr um Flugzeuge, sondern um Reisen ins Innere des menschlichen Körpers.

»Der Flughafen München-Riem hat für Brainlab und für mich eine besondere Bedeutung: Von hier aus bin ich damals zu den ersten Geschäftsreisen gestartet«, so Stefan Vilsmeier, der das Unternehmen 1989 gründete. Den Grundstein dafür legte er bereits drei Jahre zuvor und verfasste mit 17 Jahren ein Buch über 3D-Grafiken auf dem Commodore C64. Mit mehr als 50.000 verkauften Exemplaren wurde »3D-Konstruktion mit Giga-CAD Plus auf dem C64/C128« zum Bestseller in dieser Kategorie. Sein Buch weckte darüber hinaus das Interesse bei Architekten und Medizinern über Deutschland hinaus. Das Studium an der TU München hatte er da längst verworfen: Nach zwanzig Tagen hängte er den Campus an den Nagel. Er wollte programmieren und gründete mit den Einnahmen seines Buches (150.000 Mark) Brainlab. Im Keller des Elternhauses in Poing schrieb er seine erste Software für die Chirurgie. »Brainscan ähnelte von der Oberfläche und der Bedienung her Windows 3.x«, sagt Eberhard Boegner, Customer Relations Manager. Allerdings gab es die Software lange vor dem Programm von Microsoft, nämlich bereits Ende 1989/Anfang 1990.

Wer unterstützt hier wen?

Heute gehört Brainlab zu den führenden Unternehmen in dem Bereich, mit Kunden in über 100 Ländern. Mehr als 5075 Krankenhäuser nutzen die Software des Unternehmens, das seine Fühler längst in alle Richtungen ausgestreckt hat und mittlerweile auch Hardware anbietet. Ganz nach dem Motto »Schuster bleib bei deinen Leisten« handelt es sich auch dabei um Werkzeuge für den digitalen OP. Man bleibt sich in München treu: »Wir sind noch immer ein Softwareunternehmen«, sagt Boegner. So ganz abkaufen möchte man ihm diese Zurückhaltung nicht, vor allem beim Blick auf die Ausstellungsstücke im Foyer. Dort finden sich Systeme für die Tiefe Hirnstimulation (THS), Roboter und Kameras für die Hirnchirurgie sowie Assistenzsysteme für Operationen an der Wirbelsäule. Dabei setzt Brainlab auch auf eine enge Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen, zum Beispiel Medineering. Das Unternehmen unterstützt Chirurgen mit einem modularen Roboterarm. Seit diesem Jahr gehört das Start-up vollständig zu Brainlab. Im Gegensatz zu Robotikkonzepten, die bei über einer Million Dollar beginnen, ist der leichte Medizintechnikarm für einen Bruchteil der Kosten erhältlich und lässt sich leicht an den Seitenschienen des OP-Tisches montieren.

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Wer mehr sehen möchte, muss hoch in den Tower. Dort hat das Unternehmen einen vollständigen digitalen O.R. aufgebaut. Zu sehen bekommt der Besucher die vier Hauptbereiche: Integration, Dokumentation, Kommunikation und chirurgische Planung. Im Zusammenspiel ergeben diese eine offene, modulare Plattform, um die benötigten Daten in allen Setups zu erfassen, verwalten und anzuzeigen – von einfachen allgemeinchirurgischen bis hin zu komplexen Hybrid-Operationssälen. Dabei geht es nicht darum, Krankenhäuser vollständig an das eigene Portfolio zu binden. Das heißt: Die Bestandteile des O.R. sind mit anderen Systemen kompatibel. »Wir wollen vor, während und nach dem Einbau nicht stören, sondern Abläufe verbessern«, sagt Boegner.

Die Systeme von Brainlab reichen weit über die OP-Planung hinaus. Während des Eingriffes hilft dem Arzt eine Art »Navigationssystem«, die richtigen Schnitte zu setzen und dies möglichst minimal invasiv. Bei Mikroskop-gesteuerten Eingriffen helfen zudem Augmented-Reality-Bildinformationen. Die Mikroskopnavigation ermöglicht die Visualisierung geplanter chirurgischer Ziele und umliegender Gewebestrukturen als semitransparente Volumen in Kombination mit der Anatomie des Patienten. Das erleichtert die räumliche Orientierung während des Eingriffs. Durch Touch-basiertes Drehen des angezeigten 2D-Videobilds oder der »Probe’s Eye«-Rekonstruktion werden darunter liegende Strukturen in 3D sichtbar, um detaillierte anatomische Informationen zu erhalten.

Plötzlich ist der Hirntumor zum Greifen nah

Und während man sich langsam an die neuen Techniken im OP gewöhnt, arbeiten sie in Riem schon wieder an der Zukunft. Wie diese aussehen könnte, erfährt der Besucher im Keller. Die »Talfahrt« lohnt sich, denn dort angekommen, befindet man sich einem futuristischen OP-Saal, in dem Hard- und Software eine faszinierende Einheit bilden. Immer gepaart mit einem Stück Zukunft, zum Beispiel in Form von Augmented und Virtual Reality. Auch hier setzt Brainlab auf strategische Partnerschaften. Gemeinsam mit Magic Leap will das Unternehmen zum Beispiel proprietäre Lösungen für räumliches Computing (Spatial Computing) entwickeln – eine neue Dimension von Virtual und Augmented Reality, bei der reale Wahrnehmungen durch digitale Inhalte angereichert werden. Der Chirurg arbeitet sich so Stück für Stück durch den Kopf seines Patienten und mit jeder Schicht erkennt er den Tumor besser. Dass dieser irgendwann überdimensional über dem eigenen Kopf schwebt ist zwar für den Laien gewöhnungsbedürft, könnte den Ärzten aber dabei helfen, die Krankheiten noch besser zu verstehen. Dabei geht es nicht darum, so abstrakt wie möglich zu werden. »Der Arzt soll am Ende nicht Computer spielen«, sagt Boegner.

Nach 30 Jahren ist Brainlab mit seiner Vision fast angekommen. Denn die Technologie, aber auch die Medizin ist – zumindest in der Theorie – bereit dafür. Und Vilsmeier? Der Software-Autodidakt ist noch immer die treibende Kraft im Unternehmen – motoviert und fasziniert. Das wird auch im Gespräch mit Boegner deutlich. Aber nicht nur das; was Brainlab auszeichnet ist nicht nur ein gewisser Pioniergeist. Es ist diese entspannte Selbstverständlichkeit: Hier wird nicht um den heißen Brei geredet, sondern gemacht. Mit dieser Einstellung fing Vilsmeier 1989 an und damit wird das Unternehmen sicherlich auch in den nächsten Jahren seinen Weg gehen.

Fakten zum Unternehmen

Gründung: 1989 in Poing bei München

Mitarbeiter: Ca. 1400, davon 750 am Unternehmenshauptsitz

Standorte: München (Firmenzentrale) und 17 weitere Standorte weltweit (u.a. Paris, London, Chicago und Tokio)

Umsatz: 276 Mio. Euro (2017)

Kunden: 5075 Krankenhäuser nutzen die Software

Homepage: www.brainlab.com