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SHS-Medizintechnik-Index: Wachstumsdynamik der deutschen Medizintechnik verliert an Schwung

Der demographische Wandel und das Vertrauen in Produkte »Made in Germany« machen die Medizintechnik zu einer erfolgreichen, profitablen und stabilen Branche. Von Konjunkturzyklen kann sie sich weitgehend abkoppeln. Nach starken Zuwächsen verliert der Aufwärtstrend seit 2016 aber an Schwung

Trotz Sorgenkinder bleibt die Medizintechnik insgesamt weiter optimistisch. Bildquelle: © Pixabay

Leistungsentwicklung der Medizintechnikbranche liegt zwar noch deutlich über dem Niveau der Gesamtwirtschaft, doch geht die relative Wachstumsrate seit zwei Jahren zurück.

Die Entwicklung des Sektors im Verhältnis zur Gesamtwirtschaft erfasst der Medizintechnik-Index der SHS Gesellschaft für Beteiligungsmanagement, den der Investor in Kooperation mit Christian Koziol, Professor und Lehrstuhlinhaber für Finance an der Universität Tübingen, konzipiert und errechnet hat. Das Innovations- und Wachstumspotential des Sektors misst der Index über die vier Indikatoren Umsatz, Erwerbstätigenzahlen, Patentzulassungen und Aktienkursentwicklungen.

Der Index bildet die Entwicklung der Branche seit 2010 ab. Seitdem, so beobachten die Initiatoren, fährt die Branche deutlich besser als die Gesamtwirtschaft. Einen »Outperformance«-Höhepunkt erreichte der Index im Jahr 2016 mit 112%. Steigende Komplexität und ein immer dichter werdendes regulatorisches Regelwerk scheinen die Dynamik aber seitdem zu hemmen: Der Verlauf des Index macht deutlich: »Die Medizintechnikbranche weist ein überdurchschnittliches Wachstum auf«, sagt Hubertus Leonhardt, Geschäftsführender Partner bei SHS. Der Sektor entwickele sich weniger schwankend und konjunkturabhängig. »Zudem schafft er eine Vielzahl von Arbeitsplätzen.«

KMU benötigen finanzielle und strategische Unterstützung

Die seit 2017 geltende Medizinprodukteverordnung stellt deutlich höhere Anforderungen an die Zulassungs- und Prüfverfahren als die bis dahin geltende Richtlinie. Damit erhöhen sich Entwicklungszeit und -kosten, was zu einer finanziellen Belastung und einer schwierigen Eigenkapitalsituation gerade für kleine und mittelgroße Unternehmen führen kann.

Den zusätzlichen Aufwand für Innovationsprojekte und für die Neuzertifizierung von Bestandsprodukten stemmen viele kleine und mittelgroße Unternehmen nur noch mit Mühe. Gerade sie würden immer häufiger starke und gut vernetzte Partner benötigen, die sie bei der Bewältigung der regulatorischen Hürden und beim Unternehmenswachstum finanziell und strategisch unterstützen. »Wir sehen aber auch den Trend, dass kleine und mittelgroße Unternehmen verstärkt nach Akquisitionsmöglichkeiten Ausschau halten«, so Leonhardt.

Anzahl an Patentzulassungen verharrt auf hohem Niveau

Das enorme Innovationspotential der deutschen Medizintechnik und die immense Dynamik der letzten Jahre zeigt sich besonders im Blick auf die Anzahl der Patentzulassungen. Im Jahr 2010 wurden insgesamt 499 Patente aus dem Medizintechnik-Spektrum zugelassen, 2016 waren es 1.075 – die Zulassungen haben sich innerhalb von sechs Jahren mit einem Plus von 115% also mehr als verdoppelt.

Die Anzahl an Patentzulassungen insgesamt nahm hingegen nur um rund 50% zu: 12.550 (2010), 18.728 (2016). Die Gesamtwirtschaft hinkte der Medizintechnik also deutlich hinterher. Ab 2016 verkehrte sich die Lage. Die Wachstumsdynamik der Gesamt-Patentzulassungen hielt in den Jahren 2017 und 2018 an. Ihre Zahl erhöhte sich innerhalb von zwei Jahren um rund 10% und erreichte mit 20.804 (2018) einen neuen Höchststand. Die Entwicklung der Anzahl von Patentzulassungen aus dem Medizintechnikbereich hingegen stagnierte: Analog zum Verlauf des SHS-Medizintechnik-Index verlor auch die Entwicklung der Patentzulassungen seit 2016 beträchtlich an Schwung und verharrt seitdem mit gut über 1.000 Zulassungen auf hohem Niveau.

»2017 und 2018 wurden nicht wesentlich mehr Medizintechnik-Patente zugelassen als 2016, da muss man nicht in Alarmismus verfallen«, sagt Leonhardt. Denn es sei unstrittig, dass die industrielle Stärke, die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Ingenieure, vor allem aber die enge Verzahnung der Hochschul- und Forschungslandschaft mit der Wirtschaft in vielen Regionen Deutschlands ein gutes Innovationsklima in der Branche geschaffen habe. »Die Entwicklung der Patentzulassungen im Medizintechniksektor zeigt aber, dass die grundsätzlich vorteilhaften Rahmenbedingungen gefährdet sein können, wenn man die Innovationsfähigkeit einer Branche mit regulatorischen Maßnahmen zu hemmen beginnt«, so Leonhardt weiter. Hier ist Sensibilität seitens des Gesetzgebers und der Regulierungsbehörden gefordert. Das gelte umso mehr, wenn das konjunkturelle Umfeld rauer wird.

Dabei steht die Medizintechnik ohnehin vor umfassenden Umwälzungen: In der Zukunft werden vor allem die Herausforderungen des demografischen Wandels und die Entwicklungen beispielsweise in den Bereichen Digital Health und Management von chronischen Krankheiten weiteres Wachstum in diesem Sektor antreiben. Hubertus Leonhardt beobachtet, dass die USA das regulatorische Regelwerk tendenziell eher abbauen. In Europa hingegen bemerkt er einen gegenläufigen Trend: »Während die USA auf innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu setzen scheint, droht Europa durch die zunehmende Regelungsdichte seinen Vorsprung einzubüßen.« (me)

 

Relative Stärke der Medizintechnik im Vergleich zur Gesamtwirtschaft Bildquelle: © SHS

Relative Stärke der Medizintechnik im Vergleich zur Gesamtwirtschaft